Hat Gott das Böse geschaffen?

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Rainer Gross (Jahrgang 1962) hat Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und den Bachelor of Theology an einer Bibelschule erworben. Zur Zeit ist er als Schriftsteller und Seminarleiter tätig.

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Frage von HN:
"Wenn Gott alles geschaffen hat, müsste er ja auch Luzifer, den Lichtbringer, geschaffen haben!? Zunächst war Luzifer ein schöner Engel, aber als er sich gegen Gott auflehnt, bestraft dieser ihn/es! Hat Gott die Bosheit Luzifers nicht mit erschaffen? Musste Gott nicht damit rechnen dass seine Geschöpfe nicht durchaus postiv sind? Kann Gott einfach jedes seiner Geschöpfe bestrafen, wenn es nicht seinen Vorstellungen entspricht?"

Antwort

Die Frage, wie das Böse in Gottes gute Schöpfung hineinkommen konnte, bewegt seit Jahrhunderten die Theologen. Denker wie Calvin und Augustinus haben versucht, diese Frage zu beantworten. Ich kann den ganzen geistes- und theologiegeschichtlichen Hintergrund dieser Frage hier aus Platzgründen nicht aufrollen.

Tatsache ist, dass die Bibel diese Frage nicht beantwortet. Vom Satan heißt es nur, dass „an ihm Sünde gefunden“ wurde (Hesekiel 28,15). Woher sie kam, erfahren wir nicht.

Sicher entspricht es unserer menschlichen Logik, wenn wir sagen: Gott hat alles geschaffen, und das Böse war in Gottes Schöpfung, also muss Gott auch das Böse erschaffen haben. Das ist aber ein sehr formaler und abstrakter Gottesbegriff, der hier veranschlagt wird (das heißt, dass hier rein logisch konstruiert wird, wie Gott ist oder was er tut, dass aber nicht inhaltlich darauf eingegangen wird, wie sich Gott selbst offenbart hat). Dieser Gottesbegriff vergisst zudem den Grund unseres Redens über Gott: Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus.

Zwei Dinge sprechen biblisch gegen den Gedanken, dass Gott das Böse als böse erschaffen haben muss: Erstens war die Schöpfung vor dem Sündenfall nach Gottes eigenem Urteil „sehr gut“, das heißt sie kann das Böse nicht beinhaltet haben. Zweitens heißt es von Gott eindeutig: „Er ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis“ (1.Johannes 1,5). Als Christen müssen wir immer von Gottes Selbstbezeugung in Jesus Christus ausgehen: Jesus als Wort Gottes, als der vollkommene Selbstausdruck Gottes, muss der Maßstab für alle unsere Überlegungen sein, denn in ihm hat Gott sich endgültig und in vollkommener Weise ausgedrückt. Die Selbstoffenbarung in Christus ist keine logisch-formale Bestimmung Gottes, sondern eine Person mit bestimmten Eigenschaften; Leben und Werk Jesu spiegeln Gottes Natur und Wesen klar wider, und in Christus ist das die Liebe zu allen Menschen, und Jesus hat selbst gegen das Böse Stellung bezogen. Jesus hat in seinem Leben und Werk das Böse eindeutig als gotteswidrig verfolgt und verurteilt. So sehr unsere Logik uns dazu drängt, das Böse als von Gott mitgeschaffen zu folgern, spricht die Bibel doch eindeutig dagegen.

Das Böse in der Schöpfung ist also in seiner Herkunft unerklärbar, gleichwohl aber als Realität in unserer Welt und unserem Leben unbezweifelbar. Karl Barth, der große deutsche Theologe, nannte die Sünde oder das Böse deshalb die „unmögliche Möglichkeit“ und ein anderer amerikanischer Theologe meinte: „Die Sünde muss in irgendeiner Weise Raum im Plan Gottes haben, ohne dass Gott selbst zu ihrem Ursprung würde ... Im Plan Gottes sind Dinge eingeschlossen, die er zulässt, jedoch nicht verursacht.“ Das gilt auch, wenn wir statt vom Bösen von der Möglichkeit des Bösen, also der Fähigkeit sprechen, dass sich der Teufel (Luzifer, Satan) überhaupt gegen Gott erheben konnte. Dieser Gedanke verschiebt die Herkunftsfrage aber nur.

Es gibt nun verschiedene Versuche, trotz der Unerklärbarkeit zu einer Antwort zu kommen, die die menschliche Logik befriedigt.

Eine Antwort besagt, dass neben Gott sich auch das Böse in der Schöpfung behauptet und damit Gott von Anfang an als gleichwertige Macht gegenübertritt. Dann hätte Gottes Schöpfung nicht alles umfasst und man müsste einen Dualismus zweier gleichberechtigter Kräfte annehmen, die die Wirklichkeit ausmachen. Ein solcher Dualismus ist aber unbiblisch; die Bibel spricht eindeutig davon, dass Gott alles erschaffen hat und die Kräfte des Bösen in Ausmaß und Existenz nur geduldet sind bis zum Tage des Gerichts. Auch Satans Werke sind von Gott nur soweit zugelassen, als es Gottes Willen entspricht. Luther nennt Satan darum den „Kettenhund Gottes“.

Die wohl bekannteste Antwort ist jene, die schon Augustinus vertreten hat: Gott wollte freie Geschöpfe und hat deshalb den Menschen wie die Engel – und damit Satan – die Freiheit geschenkt, selbst zu entscheiden. Bei Adam war dies der Mensch im Urzustand, der zwischen Gut und Böse unterscheiden konnte und die Freiheit hatte, nicht zu sündigen (posse non peccare), während der Mensch nach dem Sündenfall diese Freiheit nicht mehr hat, sondern unfähig ist, nicht zu sündigen (non posse non peccare). Insofern war in der Schöpfung eine unbekannte Größe eingebaut, nämlich die Willensfreiheit, deren verheerende Folgen Gott zwar vorhergesehen, die er aber ausdrücklich zugelasen hat, um die Freiheit seiner Geschöpfe nicht zu gefährden.

Dagegen spricht nun zweierlei. Erstens ist es mit der Freiheit des Menschen nach dem Sündenfall nicht mehr weit her, biblisch gesehen ist er Sklave der Sünde und kann sich ohne Gottes Gnadenerweis Gott nicht einmal zuwenden. Und zweitens ist die biblische Freiheit nicht eine bloße Wahl aus objekitver Distanz heraus zwischen zwei Möglichkeiten. So ein Freiheitsbegriff ist viel zu begrenzt, als dass er dem sittlichen und geistlichen Dasein des Menschen, wie Gott ihn als Ebenbild seiner selbst geschaffen hat – und Ebenbild sind wir noch immer! – gerecht würde.

Deutlich wird dies zum Beispiel an der Liebe, die ja eine der grundlegendsten geistlichen Möglichkeiten darstellt. In der Liebe binde ich mich an das Gegenüber und verweigere mir selbst von vornherein bestimmte Möglichkeiten der Entscheidung, wie etwa Untreue, Ungehorsam oder Verrat. Diese „Möglichkeiten“ stellen sich mir gar nicht als Handlungsalternativen, eben weil ich den anderen liebe. Die Liebe beschränkt somit meine Freiheit, ist selbst aber die Freiheit, die Gott im Blick hat. Denn nach biblischen Maßstäben ist der Mensch gerade dann wirklich frei, wenn er in Gott ist, das heißt wenn er in und aus der Bindung an Gott und in der Abhängigkeit von Gott lebt. Freiheit im existenziell-geistlichen Sinne also ist viel mehr als die distanzierte Wahl zwischen Gehorsam und Ungehorsam.

Dass sich Adam bzw. Satan überhaupt diese beiden Alternativen gestellt haben, d.h. dass sie überhaupt in ihrem Verhältnis zu Gott auf Distanz gegangen sind, beinhaltet schon das Herausfallen aus der Liebesbindung und damit die Sünde. Die Frage also, weshalb Adam bzw. Satan sich gegen Gott entschieden haben, verschiebt sich unter der Voraussetzung der Freiheit nur auf die Frage, wie Adam bzw. Satan aus ihrer Bindung an Gott heraustreten konnten. Hier sind wir wieder bei der Unerklärbarkeit angelangt.

In einer einschlägigen evangelischen Dogmatik heißt es: „Die Theologie hat grundsätzlich keine Antort auf diese Frage.“ und: „Es gibt jedenfalls keine Antwort, die eine auf Gottes Selbsterweis in Jesus Christus gegründete Theologie vertreten könnte, ohne mit diesem ihrem Grund in Widerspruch zu geraten.“

Bedenkenswert ist noch, dass hinter dem theologischen Verstehenwollen, woher die Sünde kam, ein Entschuldigungsbestreben des Menschen liegen kann. Ähnlich wie bei einem, der alle mögliche Entstehungsfaktoren und Bedingungen eines Unrechts, das er begangen hat, erforschen will, um dann sagen zu können: Deshalb und deshalb habe ich so gehandelt. Beides Mal gibt es vor allem dies zu verstehen: Dass wir sündig sind und Vergebung brauchen.

Das Inanspruchnehmen der Vergebung ist die beste Antwort auf die Frage nach der Sünde. Wir sollen unseren Verstand gebrauchen und nicht allzu früh die Segel streichen, wenn uns die Bibel vor ein intellektuelles Rätsel stellt. Aber es gilt auch: Statt allzu tief nach der Ursache des Bösen in der Welt und in unserem Leben zu forschen und dies als Glaubenshindernis darzustellen, sollten wir besser nach der Überwindung des Bösen fragen: nach Jesus Christus.