Vergebung

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Über den Autor

Tanja Klement, ihres Zeichens Missionarskind, verbrachte den größten Teil ihres Lebens irgendwo anders auf der Welt. Sie studiert Medienwissenschaften in Marburg und ist für gewöhnlich zwischen Büchern und Filmen aufzufinden, wenn nicht gerade ihr Verlobter Philip sie mit einer Tasse Cappuccino vom letzten Martha-Grimes-Krimi fortlocken kann.

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Ich sitze mal wieder im Zug. Heute bin ich etwas später dran, die Sonne lässt nur noch einen roten Streifen am Himmel zurück. Gedankenverloren höre ich auf den Liedtext, den mir mein MP3-Player liefert: „Don't judge me so harsh, little girl. So you got a playboy mommy…“* Eine Hure bittet ihr totes Kind, nicht zu hart mit ihr ins Gericht zu gehen. Sie liefert keine Entschuldigungen. Nur diese Mischung aus Bedauern und Angst, die man Reue nennt.

Mir tut die Sünder-Mama leid. Natürlich. Es ist ja nicht meine Mutter. Es sind andere Gesichter, die vor meinen Augen schwimmen, andere Stimmen bitten mich, sie nicht so hart zu richten.

Ich rede gerne über Vergebung. Wenigstens dann, wenn ich dabei meinen kleinen Richter-Klapp-Stuhl neben das Kreuz Jesu stelle und mir die Fehler des anderen vor die Füße legen lasse. Natürlich vergebe ich gerne – solange ich mich dabei gnädig fühle.

Echte Vergebung sieht aber im Lebenslauf nicht gut aus. Gnade ist ein dreckiges Geschäft, so wie das Kreuz auf Golgatha – denn es heißt, meinen Richterstuhl abzutreten und mich auf die angreifbare Ebene der Kläger und Anwälte zu begeben. Es heißt, selbst im Staub zu knien und zu sagen: „ich bin nicht unerreichbar. Es hat weh getan. Ich kann’s nicht einfach hinter mir lassen“.

Gleichzeitig ist es eine Herzensbefreiung – weg von dem Drang, meine Verletzungen so einzugraben, bis sie wie schlechte Milch im Kühlschrank für böse Überraschungen sorgen. Weg von einer unerreichbaren Position, die mich einsam macht. Aber näher zu Gott.

Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist! Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen.
Lukas 6,36-37



*Lyrics by Tori Amos, Performance by Allison Crowe